Silo (Wool) von Hugh Howey: Eine Geschichte, zweimal erlebt
Ich habe „Wool“, den ersten Silo-Roman, gelesen - und war überrascht, wie unterschiedlich man dieselbe Geschichte erzählen kann.
- Ausgabe
- Taschenbuch (Englisch)
- Genre
- Dystopie / Science-Fiction
- Erschienen
- 2012
- Gelesen in
- 6 Tagen
Hinweis: Diese Rezension enthält leichte Spoiler zu Buch und Serie - jedoch keine großen Wendungen.
Wie ich zu Silo kam
Ehrlich gesagt kannte ich Silo zuerst nur als Serie. Dass dahinter eine ganze Buchreihe steckt, habe ich erst später erfahren. Empfohlen hat mir die Serie eine sehr gute Freundin - mit dem Satz, dass mich das Setting stark an Fallout erinnern würde. Damit hatte sie mich sofort, denn ich mag sowohl die Fallout-Spiele als auch die Serie und bin generell ein riesiger Fan von dystopischen Zukunftsgeschichten.
Die Serie hat mich dann so gepackt, dass ich unbedingt wissen wollte, wie die Vorlage aussieht. Also habe ich mir die Bücher geholt und das erste, „Wool“ von Hugh Howey, im englischen Original gelesen.
Worum geht es?
Die Geschichte spielt in einem riesigen unterirdischen Bauwerk, dem Silo. Auf 144 Stockwerken lebt hier der Rest der Menschheit, abgeschnitten von einer Welt, in der nichts mehr überleben kann. Wer laut sagt, dass er rausgehen will, wird „zum Reinigen“ geschickt - und kommt nicht lebendig zurück.
Das Spannendste daran: Niemand weiß, woher das Silo kommt. Wer hat es erbaut? Warum leben die Menschen überhaupt hier? Und werden sie jemals wieder rausgehen können? Die Serie bringt das in wenigen Sätzen auf den Punkt:
We do not know who built the Silo. We do not know why everything outside the Silo is as it is. We do not know when it will be safe to go outside. We only know that day is not this day.
Und genau das macht den Reiz aus: Im Silo stellt man keine Fragen - wer es trotzdem tut, wird schnell selbst zum Problem. Als Leser und Zuschauer hat man dafür umso mehr.
Im Mittelpunkt steht Juliette Nichols, eine Mechanikerin aus den untersten Ebenen, die plötzlich Sheriff wird und Stück für Stück herausfindet, dass im Silo nichts so ist, wie es scheint.

Die Welt im Silo
Was mich an Silo am meisten fasziniert, ist die Welt selbst. Das Silo funktioniert wie eine ganz normale Gesellschaft: Mechaniker halten die Maschinen am Laufen, andere bauen Nahrung an und verarbeiten sie, Ärzte kümmern sich um die Kranken, die IT verwaltet sämtliche Daten, das Lager versorgt alle mit dem Nötigsten, und Träger bringen Nachrichten und Waren über die endlose Treppe bis in die letzte Ebene.
Zusammengehalten wird das Ganze vom „Pact“ - einer Art Gesetzbuch, das genau regelt, wie man sich zu verhalten hat. Und genau hier liegt der Kern der Geschichte: Kaum jemand traut sich, den Pact infrage zu stellen, denn alle kennen die Folgen.
So unterschiedlich die Menschen im Silo auch leben – eines verbindet sie alle: Der einzige Weg nach draußen endet tödlich.
Gleiche Welt, andere Geschichte
Was mich beim Lesen am meisten überrascht hat: wie viel sich zwischen Buch und Serie unterscheidet. Und damit meine ich nicht nur Kleinigkeiten. Das betrifft einerseits die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander, andererseits aber auch große Teile der Handlung, die oft ganz anders erzählt werden oder sogar komplett anders ablaufen. Manche Geheimnisse, die das Buch lange zurückhält, lüftet die Serie schon sehr früh - und umgekehrt. Gerade deshalb hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, etwas schon zu kennen.

Was das Buch besser macht
Ganz klar: die Beziehung zwischen Mayor Jahns und ihrem Deputy Marnes. Im Buch bekommen die beiden auf ihrem langen Weg durch das Silo viele Seiten, und man liest ihre Gedanken übereinander. Man spürt richtig, dass da jahrelang etwas zwischen ihnen war, das sich keiner von beiden zu sagen traute. Das kommt im Buch viel intensiver und ausführlicher rüber als in der Serie.
Spannend fand ich auch, dass das Buch bei Juliettes Vergangenheit ganz andere Schwerpunkte setzt. Eine Beziehung, die in der Serie von Anfang an eine große Rolle spielt, bleibt im Buch lange im Hintergrund. Dafür rückt eine andere Figur - Lukas - deutlich stärker in den Mittelpunkt, und das hat mir richtig gut gefallen.
Was die Serie besser macht
Trotzdem muss ich ehrlich sagen: Insgesamt finde ich die Serie stellenweise sogar besser als das Buch. Das hätte ich selbst nicht erwartet, denn normalerweise ist es andersrum.
Der Spannungsaufbau und die Handlung selbst sind in der Serie für mich deutlich nachvollziehbarer. Ein Beispiel: Im Buch steigt die Bürgermeisterin zu Juliette hinunter, bietet ihr den Posten als Sheriff an - und Juliette sagt ziemlich schnell zu. Für mich kam das ein bisschen aus dem Nichts, mir fehlte einfach ein echter Grund. In der Serie braucht es hingegen deutlich mehr Überzeugungsarbeit - und einen sehr persönlichen Grund, der für mich viel mehr Sinn ergeben hat.
Dazu kommt, dass ich in der Serie bei viel mehr Figuren mitgefühlt habe. Das Buch hat einzelne starke Beziehungen, aber in der Serie haben mich insgesamt mehr Charaktere emotional erreicht. Viele Nebenfiguren, die im Buch nur kurz auftauchen, bekommen dort ihre eigene Geschichte. Hinzu kommt, dass man sich in der Serie dazu entschieden hat, ganz neue Charaktere einzubauen, die den Plot enorm bereichern. Auch die Atmosphäre ist in der Serie oft epischer - allein dieser eine Satz, der bei jeder Reinigung fällt, bleibt einfach hängen.
Für wen ist das Buch?
Ich weiß, ich habe mich schon über die ewigen Vergleiche in Reviews beschwert - aber hier muss ich selbst einen ziehen, weil es ums Setting geht und nicht um die Story: Wer Fallout mag, vor allem den Anfang der Fallout-Serie mit dem Leben im Vault, wird sich im Silo sofort zu Hause fühlen.
Generell gilt: Wer dystopische Geschichten mag und gerne rätselt, was hinter einer Welt wirklich steckt, wird mit „Wool“ seinen Spaß haben. Das Buch ist schnell, spannend und schwer aus der Hand zu legen. Und wer die Serie schon kennt, muss keine Angst haben, dass es langweilig wird - im Gegenteil.